Oktober

„Eine Mammutaufgabe“

Gespräch mit medmissio-Geschäftsführer Michael Kuhnert

Herr Kuhnert, was macht medmissio so einzigartig?

Michael Kuhnert: Wir lassen unsere Partner und Partnerkrankenhäuser nicht allein: Wir begleiten sie, hören auf das, was sie uns mitteilen möchten, fragen, was sie brauchen, unterstützen sie mit Know-how und Fortbildungskursen, mit Spenden und mit Kurzzeiteinsätzen. Wir forschen an vernachlässigten Tropenkrankheiten und behandeln die an ihnen erkrankten Patienten. Wir geben, wie jetzt in der Pandemie, Soforthilfen für Medikamente, Ausstattung und Lebensmitteln. Wir erheben unsere Stimme, um Kirche und Gesellschaft zu mehr Engagement für die Gesundheit in der Einen Welt zu bewegen und setzen uns ganz aktuell für globale Impfgerechtigkeit ein.

Überall auf der Welt versuchen wir, „die Armen, die dort sind“ zu heilen (Lk 9,10). Das bedeutet zunächst einmal, Krankheiten durch Prävention zu vermeiden und dann jenen Armen, die erkrankt sind, einen wesentlich besseren Zugang zu Diagnose und Therapiemöglichkeiten zu ermöglichen. Armut macht krank und Krankheit ist oft eine Ursache von Verarmung. Es geht uns um das Menschenrecht auf Gesundheit, um die Teilhabe aller Menschen an möglichst optimaler Gesundheitsversorgung. Aus diesem Grund kümmern wir uns weltweit um die „Ausgeschlossenen“, also auch um die Migranten in Unterfranken und deren bessere Gesundheitsversorgung. Zusammengefasst: Wir wollen “Gesundheit“ integral denken und uns möglichst umfassend für sie einsetzen, egal wo. Genau das hat Jesus seinen Nachfolgern und Nachfolgerinnen mit seinem Heilungsauftrag ja ins Stammbuch geschrieben!

Was würden Sie medmissio zum 100. Geburtstag schenken?

Auf jeden Fall eine volle Sparbüchse, denn weltweit steht viel zu wenig Geld für die Gesundheitsversorgung der Armen zur Verfügung und medmissio könnte noch wesentlich mehr Menschenleben retten, wenn wir eine größere Unterstützung erhielten! Denn es geht darum, in der Einen Welt endlich niemanden mehr zurückzulassen und auszuschließen von einem Leben in Würde und Fülle. Es darf nicht sein, dass wir Menschen weiterhin in einer Parallelwelt leben, in der die Reichen und vom Schicksal Privilegierten mit den Armen nichts zu tun haben wollen und der Meinung sind, dass sie deren schlechte Gesundheitsversorgung nichts angeht. Es geht um konkrete Anteilnahme, um Verzicht zugunsten anderer. Wir brauchen viel mehr Solidarität und die Spardose ist ein erster Schritt in diese Richtung.

„Mikrofon und Spiegel“

Gerne würde ich medmissio auch ein Mikrophon schenken, damit es in seinem Einsatz für mehr Gesundheit besser gehört wird und sich vermeintlich taube Ohren öffnen für sein Anliegen und seinen Einsatz. Außerdem einen Kompass, um uns immer wieder neu „einzunorden“, damit die Richtung der einzuschlagenden Maßnahmen auf dem Weg zu einer besseren weltweiten Gesundheitsversorgung auch stimmt. Und zuletzt noch einen Spiegel, den wir uns in der Entwicklungszusammenarbeit im Allgemeinen und im Institut im Besonderen gegenseitig vorhalten können, damit wir Eitelkeiten und falschen Stolz rechtzeitig erkennen und demütig bleiben.

Ein Stethoskop würde ich keinesfalls schenken, denn auch wenn es sehr wichtig ist für die Diagnose mancher Erkrankungen, könnte die Gefahr bestehen zu meinen, Gesundheit sei ausschließlich eine Angelegenheit von Ärztinnen und Ärzten. Der Einsatz für Gesundheit ist jedoch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und sollte deshalb nicht nur an einige Spezialisten delegiert werden. Es geht um „Heilung und Heil“, also um den Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur um das Freisein von Krankheit oder Gebrechen.

Was unterscheidet medmissio von anderen humanitären Helfern?

Unvergleichlich ist unsere Geschichte, denn seit exakt 100 Jahren sind wir die einzige Eirichtung der katholischen Kirche, die sich dezidiert der besseren Gesundheitsversorgung armer Menschen auf der ganzen Welt widmet. Die Gründerinnen und Gründer unseres Instituts erkannten den Auftrag Jesu, „Heilt die Menschen, die dort sind und sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe“ als ihre zentrale Aufgabe. Jeder Mensch hat das Recht auf medizinische Versorgung. Entwicklung und Glück sind ohne Gesundheitsfürsorge unmöglich. Also lernten sie die Sprachen ihrer (zukünftigen) Patienten und bereiteten sich möglichst umfassend auf ihre Einsätze in den armen Ländern vor. Sie machten sich aufopferungsvoll auf den Weg, um die Menschen, die dort sind, möglichst gut behandeln und heilen zu können.

Überzeugung und Engagement

Seit den Anfängen unseres Instituts haben sich die Länder, in denen wir tätig sind ebenso verändert wie die medizinischen Herausforderungen und die politischen Koordinaten. Aber die Wechselbeziehung zwischen Machen und Erkennen hat sich nicht geändert: Weil wir erkennen, dass so viele Menschen immer noch von adäquater medizinischer Behandlung und Heilung ausgeschlossen sind, machen wir das, was medizinisch und menschlich gefordert ist.
Gesundheit ist unsere Mission. Sie erfordert von unseren haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern persönliche Überzeugung, tiefes Engagement und die Bereitschaft, angesichts fremden Leids von sich absehen zu können. Sie braucht fachliches Können, Kreativität, interkulturelle Kompetenz. Sie erfordert Treue zum Auftrag Jesu, dessen Mut, neue Wege zu gehen und, wenn es sein muss, Gewohntes aufzugeben, Tabus zu brechen und Grenzen zu überschreiten.

Warum spielt weltweite Gesundheit so eine große Rolle?

Was passiert, wenn die Menschheit die globale Bedrohung einer Krankheit nicht gemeinsam angeht, sehen wir doch seit März 2020 in aller Deutlichkeit: Die Covid-19-Pandemie betrifft alle Länder, reiche und arme und die Menschheit wird sie nur gemeinsam überwinden können, indem jeder Erdenbürger die Möglichkeit hat, schnell eine Impfung gegen zu Corona zu erhalten. Wir müssen schleunigst lernen, dass diese Krise wirklich unser aller Krise ist. Die Menschheit sitzt tatsächlich in nur in einem Boot und das Virus verbreitet sich unabhängig davon, ob der Sitzplatz vorne oder hinten, oben oder unten ist.

Corona ist der Lackmus-Test für globale Solidarität: Nur wenn wir als Menschheit an einem Strang ziehen, werden sich zukünftige Pandemien vermeiden bzw. bewältigen und die noch viel bedrohlichere Klimakrise sich vielleicht doch noch abwenden lassen! Wir merken, dass ein Virus die Menschheit bedroht und wir sehen seit Jahrzehnten, dass der Erde die Luft ausgeht, immer mehr Regionen unter Dürren leiden, Korallenriffe verbleichen, die Gletscher, die Arktis und die Antarktis schmelzen. Fruchtbare Böden versteppen, Insekten sterben massenhaft, die Artenvielfalt sinkt dramatisch.

Immer mehr Natur wird zerstört, wodurch die Gefahr von Zoonosen und weiteren Pandemien steigt. Sehenden Auges laufen wir da auf noch größere Krisen zu als die, die uns gerade den Atem raubt. Globale Gesundheit ist das Zeichen unserer Zeit und die Mammut-Aufgabe unseres Jahrhunderts. Es geht schon längst um das Überleben aller Menschen und unserer immer kränker werdenden Mutter Erde. Wir müssen also ganz schnell lernen, dass sich keiner mehr alleine retten kann und dass wir alle füreinander verantwortlich sind. Wenigstens das!