Erinnerung bewahren, Versöhnung leben: Würzburg ging am 16. März einen Weg des Gedenkens und der Versöhnung

Zweite Bürgermeisterin Dr. Sandra Vorlová (v.l.), Oberbürgermeister Martin Heilig und Judith Jörg-Roth (Dritte Bürgermeisterin) von Würzburg. Foto: Kai Fraass

Es war ein Vormittag, der still begann und doch weit über den Moment hinauswies. Mit der Gedenkveranstaltung am Hauptfriedhof, dem anschließenden Versöhnungsweg und der Abschlussveranstaltung in der Kirche St. Stephan hat Würzburg am 16. März an die Zerstörung der Stadt vor 81 Jahren erinnert. Eingeladen hatte das Ökumenische Nagelkreuzzentrum Würzburg unter dem Jahresmotto „Erinnerung bewahren, Versöhnung leben“. Unterzeichnet war die Einladung von Elisabeth Nikolai aus der Ökumenischen Nagelkreuzgemeinschaft.

Am Mahnmal vor dem Hauptfriedhof fand Würzburgs Oberbürgermeister Martin Heilig Worte, die die Schwere dieses Datums deutlich machten. „Der 16. März 1945 ist für unsere Stadt nicht einfach nur ein Datum im Geschichtsbuch. Er ist eine Zäsur.“ Und er erinnerte daran, warum das Gedenken mehr ist als ein fester Termin im Kalender: „Wir tun es, weil das Gedenken an die über 3.000 Menschen, die in jener Schreckensnacht ihr Leben verloren, eine dauerhafte Verpflichtung für unser Handeln in der Gegenwart ist.“

Wandernagelkreuz weitergegeben
Genau darum ging es an diesem Tag. Nicht nur um die Erinnerung an das, was war. Sondern auch um die Frage, was daraus heute folgt. Nach der Ansprache des Oberbürgermeisters und der Kranzniederlegung wurde das Wandernagelkreuz zusammen mit der Versöhnungsstatue an den neuen Gastort weitergegeben, an das Diakonische Werk des Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirks Würzburg e. V. Anschließend führte der Versöhnungsweg durch die Stadt und fand seinen Abschluss in St. Stephan. Auch die Marienkapelle blieb an diesem Tag bis Mitternacht zum stillen Gebet vor dem Nagelkreuz geöffnet.

Dass aus Erinnerung Verantwortung erwachsen soll, gehört zum Kern der Nagelkreuzarbeit in Würzburg. Das Ökumenische Nagelkreuzzentrum Würzburg ist seit 2001 Teil der internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Getragen wird es von den katholischen und evangelischen Dekanaten sowie der Stadt Würzburg. Es versteht sich als Netzwerk für Frieden und Versöhnung, dem Kirchengemeinden, Institutionen und Einzelpersonen beitreten können. Auch medmissio ist Mitglied dieses Netzwerks.

medmissio Teil der Nagelkreuzgemeinschaft
Gerade für medmissio ist dieser Bezug mehr als eine Randnotiz. Frieden, Versöhnung und der Blick auf den einzelnen Menschen gehören auch zum eigenen Selbstverständnis des Instituts. Wo Gewalt herrscht, leiden Menschen nicht nur an sichtbaren Folgen. Beziehungen zerbrechen, Vertrauen geht verloren, Zukunft wird brüchig. Dass medmissio Teil der Nagelkreuzgemeinschaft ist, passt deshalb nicht nur organisatorisch, sondern auch inhaltlich. Es geht um Menschenwürde. Es geht um Verantwortung. Und es geht um die Überzeugung, dass Versöhnung kein fernes Ideal bleiben darf.

Andreas Schrappe, Vorstand Diakonisches Werk Würzburg. Foto: Kai Fraass

In der kurzen Rede von Elisabeth Nikolai wurde dieser Gedanke klar benannt. Sie sagte, Versöhnung sei „in einer von Gewalt geprägten Welt notwendig für eine friedliche Zukunft“. Zugleich werde heute nicht mehr nur die kriegerische Zerstörung von Städten in den Blick genommen, sondern zunehmend auch die Zerstörung von Beziehungen in unserer Gesellschaft und mit uns selbst. Das ist ein Satz, der nachhallt, weil er die Gegenwart nicht ausspart, sondern mitten trifft. Mit Blick auf den neuen Gastort formulierte Nikolai den Wunsch: „Möge die Teilnahme am Schicksal des Anderen und Begegnung auf Augenhöhe ihre Versöhnungsarbeit bestimmen.“

Oberbürgermeister Heilig spannte in seiner Rede denselben Bogen. „Doch wir sind heute nicht nur hier, um zu trauern. Wir sind auch hier, um den Weg zu würdigen, den unsere Stadt seither gegangen ist. Ein Weg, der aus der Asche nicht zur Verbitterung führte, sondern zur Versöhnung.“ Dieser Gedanke gab dem Gedenktag seine Richtung. Das Erinnern blieb nicht im Schmerz stehen. Es öffnete den Blick nach vorn.

Foto: Kai Fraass

So wurde der 16. März in Würzburg zu mehr als einem Rückblick auf die Geschichte der Stadt. Er wurde zu einem Tag, an dem sichtbar wurde, wie Erinnerung und Gegenwart zusammengehören. Für medmissio als Mitglied der Nagelkreuzgemeinschaft ist genau das entscheidend: dass Frieden und Versöhnung nicht nur benannt, sondern gelebt werden. Im Umgang miteinander. In der Aufmerksamkeit für Verwundete und Übersehene. Und in der Bereitschaft, dem Schicksal anderer nicht auszuweichen.
Kai Fraass