Ein Kommentar von Dr. Kristina Schottmayer, Referentin bei medmissio

„Die Situation bleibt sehr düster und wir können kein Licht am Ende des Tunnels sehen. Wir denken, das Schlimmste kommt erst noch, alle Nachrichten sagen eine große israelische Invasion mit der großflächigen Zerstörung von Häusern und Dörfern voraus, um eine ,Sicherheitszone‘ im Bereich des südlichen Litani-Flusses einzurichten.“ (Mitarbeiter einer libanesischen Partnerorganisation) Mit diesen Worten antworteten unsere Kontakte in Beirut am 17. März auf die Nachfrage nach der aktuellen Situation. Sie leisten dort einen wesentlichen Beitrag zur medizinischen Grundversorgung für vulnerable Menschen.
Ursprünglich lag der Fokus auf Geflüchteten. Im Libanon leben bei 5,4 Millionen Einwohnern rund 1,35 Millionen Syrer und 250.000 Palästinenser. In den vergangenen Jahren sind jedoch zunehmend auch Einheimische in existenzielle Not geraten. Hyperinflation, aber auch israelische Militäroperationen haben das Land schwer getroffen. 2024 wurden in dem kleinen Land 67 Krankenhäuser beschädigt, mehr als 150 Gesundheitseinrichtungen mussten schließen. 80 Prozent der Bevölkerung leben in Armut und haben keinen verlässlichen Zugang zu Gesundheitsversorgung, Strom und Bildung. (IRC)
Die Zivilbevölkerung zahlt den Preis
Nach den Militäroperationen 2024 greift Israel den Libanon derzeit erneut massiv an und prägt damit die Eskalation der Lage entscheidend. Als Begründung dienen Angriffe auf die mit dem Iran verbündete Hisbollah, doch die Folgen treffen vor allem die Zivilbevölkerung.
Menschen geraten in Mitleidenschaft, deren einziges „Vergehen“ darin besteht, im selben Land wie die Terrororganisation zu leben. Berichten aus dem Libanon zufolge unterscheidet das israelische Militär bei seinen Angriffen häufig nicht zwischen Hisbollah-kontrollierten und anderen Gebieten. Bereits der Verdacht auf die Anwesenheit einzelner Mitglieder reicht aus, um ganze Viertel zu bombardieren und Gebäude zu zerstören.
Durch diese Angriffe wurden inzwischen rund eine Million Menschen gezwungen, von einem Tag auf den anderen ihre Häuser und Dörfer zu verlassen. Sie leben nun als Binnenvertriebene im Norden des Landes. Das überlastet die Aufnahmegebiete und verschärft die sozialen Spannungen.
Auch Christen im Süden sind betroffen
Auch im Süden lebende Christen sind betroffen. Manche bleiben trotz Lebensgefahr. Pater Pierre al-Rahi sagte am 8. März: „Wenn wir unser Land verteidigen, dann tun wir dies friedlich. Wir tragen keine Waffen, wir tragen die Waffen des Guten, des Friedens, der Liebe und des Gebets. Alle himmlischen Religionen rufen zum Frieden auf.“
Am Tag danach wurde er von einer Granate getötet, als er Opfern eines Bombenangriffs seelischen Beistand leisten wollte. (CMC) 1094 Menschen wurden seit Beginn der Luftangriffe getötet, mehr als 3000 verletzt. (OCHA)
Angst vor verbrannter Erde
Mittlerweile werden die Befürchtungen der libanesischen Bevölkerung Realität. Die israelische Regierung benennt ihr Ziel einer „Sicherheitszone“ offen und greift gezielt wichtige Infrastrukturen an.
„Nachdem wir gesehen haben, was in Gaza an massiver Zerstörung passiert ist, haben wir Angst, dass sich dies im Süden wiederholt und verbrannte Erde zurückbleibt. Für 1 Million Menschen würde das bedeuten, dass sie nie in ihre Heimat zurückkehren können.“
In diesem Zusammenhang fällt auf, dass auch das Schicksal der Menschen in Gaza mit Beginn des Krieges im Iran aus dem Fokus der internationalen Öffentlichkeit verschwunden ist. In Deutschland und anderen westlichen Ländern dominieren wirtschaftliche und sicherheitspolitische Fragen die Debatten, etwa die Auswirkungen der Blockade der Straße von Hormus auf Märkte und Benzinpreise. Dass Hilfslieferungen ebenfalls feststecken und die humanitären Folgen der Energiekrise dramatisch sind, erhält deutlich weniger Aufmerksamkeit.
Schweigen ist keine Antwort
Auch politisch bleibt die Reaktion vielfach zurückhaltend. Appelle zur Deeskalation und zur Einhaltung des humanitären Völkerrechts bleiben schüchtern und halbherzig. Westliche Regierungen und besonders Deutschland betonen ihre historische Verantwortung und das Existenzrecht Israels.
Für mich besteht unsere Verantwortung darin, nicht zu schweigen, wenn Menschen gezielt vertrieben werden, ihre Lebensgrundlagen verlieren oder systematisch Gewalt erfahren, unabhängig davon, wo dies geschieht und wer dafür verantwortlich ist. Internationales Recht behält nur dann seine Bedeutung, wenn es für alle gleichermaßen gilt und Verstöße echte Reaktionen sowie spürbare Konsequenzen nach sich ziehen.
Hilfe vor Ort bleibt unverzichtbar
Während wir schweigen und mit uns selbst beschäftigt sind, konzentrieren sich unsere Partner vor Ort auf konkrete Hilfe: Nahrungsmittel und Treibstoff für Familien, die im Süden ausharren, sowie Unterstützung für muslimische und christliche Vertriebene in Beirut, Mount Lebanon und Deir el Ahmar.