Gastartikel für “Verein Bethlehem Mission Immensee”: Gesundheit und Heilung in einer heillosen Welt

Der Leiter der medmissio-Geschäftsstelle, Michael Kuhnert. Foto: Kai Fraass

Michael Kuhnert, Leiter der medmissio-Geschäftsstelle, hat einen Artikel für die Dezemberausgabe des Infobriefs vom „Verein Bethlehem Mission Immensee“ (BMI) verfasst. Der Verein BMI ist eine in der Schweiz registrierte, katholisch geprägte Organisation, die aus der langen Tradition der Missionsgesellschaft Bethlehem in Immensee hervorgegangen ist. Er fungiert als rechtlicher und organisatorischer Träger für missionarisches Engagement, Entwicklungszusammenarbeit und soziale Projekte mit einem klaren Bezug zum christlichen Glauben.

Nachstehend veröffentlichen wir den Artikel in unveränderter Form:
medmissio ist die einzige Fachstelle der katholischen Kirche In Deutschland, die sich für mehr Gesundheit in der Einen Welt einsetzt. Sie wurde bereits 1922 als „Missionsärztliches Institut“ von Laien und einigen Ordensgemeinschaften gegründet, um den christlichen Heilungsauftrag (Lk 10,9) konsequent und kompetent umzusetzen.

In den ersten Jahrzehnten entsandte das Institut nach jeweils intensiver medizinischer und spiritueller Vorbereitung über 160 sogenannte „Missionsärztinnen und -ärzte“ sowie rund 120 weitere medizinische Fachkräfte zum Aufbau von Missionshospitälern bzw. zur Mitarbeit in lokalen Gesundheitseinrichtungen. Alle Entsandten verpflichteten sich durch den sogenannten „Missionseid“ zu einem mindestens zehnjährigen Einsatz.

Heute widmet sich medmissio unter dem Leitspruch „Gesundheit ist unsere Mission“ im Auftrag von katholischen Hilfswerken, Ordensgemeinschaften, Stiftungen und staatlichen Institutionen der Beratung und Begleitung von Gesundheitseinrichtungen in Ländern des Globalen Südens und Osteuropas.

Eine weitere Säule unserer Mission ist die medizinische Lehre und Ausbildung: Unsere Experten schulen im In- und Ausland beispielsweise Laborkräfte in der Diagnostik von Tropenerkrankungen. Sie führen Workshops zum Umgang mit hochansteckenden Erkrankungen wie Ebola durch, bereiten Ärzte und Ärztinnen von medizinischen Hilfsorganisationen auf ihre Einsätze vor und bieten vor Ort oder online Ausbildungskurse zum Umgang mit antimikrobiellen Resistenzen und/oder zu planetarer sowie mentaler Gesundheit an.

Die dritte Säule unserer Arbeit ist die Forschung zu vernachlässigten Tropenkrankheiten, insbesondere zur Schistosomiasis (Bilharziose), sowie deren Behandlung in Tansania.

Außerdem ist es medmissio sehr wichtig, sich für das Recht auf Gesundheit von Migrantinnen und Migranten einzusetzen und ihnen in den Gemeinschaftsunterkünften eine medizinische Grundversorgung zu ermöglichen.

Der fünfte Schwerpunkt von medmissio ist die sogenannte Advocacy, also das Eintreten bei politischen und kirchlichen Entscheidungsträgern, sich wesentlich mehr dem Recht auf Gesundheit aller Menschen zu widmen und hierfür endlich mehr finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. Angesichts der zynischen Politik und der menschenverachtenden Streichung der „Entwicklungshilfe“ (z. B. für UNAIDS) des aktuellen US-Präsidenten wird dieser Fokus unserer Arbeit immer wichtiger. Dies gilt umso mehr, als auch unsere europäischen Regierungen Schritt für Schritt nationaler ausgerichtet sind und infolgedessen ebenfalls Mittel für die Not- und Entwicklungshilfe kürzen.

 

… als könne man in einer kranken Welt gesund bleiben

Anders ausgedrückt: Für das Recht auf Gesundheit armer Menschen haben sich bereits zur Zelt der Gründung unseres Instituts zu wenige Menschen, Institutionen und Regierungen eingesetzt – und 100 Jahre später deutet alles darauf hin, dass sich trotz der Corona-Pandemie weder in den Köpfen der Entscheidungsträger noch In den Herzen Ihrer Bürgerinnen und Bürger „irgendetwas“ grundlegend geändert hat, Obwohl die Pandemie uns allen vor Augen geführt hat, dass „ohne Gesundheit alles nichts ist“, wird weiterhin so getan, als könne man In einer kranken Welt gesund bleiben, und es wird weitergewurstelt wie bisher: Der Klimawandel, das Artensterben und deren Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen und der ganzen Schöpfung werden weiter verdrängt und deren Lösung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben bzw. den nachfolgenden Generationen zugemutet.

Es scheint, als hätten sich die meisten politischen und kirchlichen Entscheidungsträger sowie Otto Normalbürger und Christinnen damit abgefunden, dass immer noch gut zwei Milliarden Menschen kein Trinkwasser zur Verfügung haben, mehr als vier Milliarden keine Toiletten besitzen, weit über 800 Millionen Menschen hungern, alljährlich 2,4 Millionen Neugeborene und weitere 2,8 Millionen Kinder unter fünf Jahren sterben, dazu mehr als 1,5 Millionen Menschen an Tuberkulose, über 400.000 an Malaria und 690.000 an HIV/Aids. Und wen regt es eigentlich noch auf, dass mindestens zwölf Millionen HIV-Infizierte keinen Zugang zur lebensrettenden antiretroviralen Behandlung haben? Dass rund 300.000 Frauen jährlich während ihrer Schwangerschaft oder nach der Geburt ihr Leben verlieren? Dass zig Millionen von Kindern keine einzige Schutzimpfung bekommen? Und dass rund zwei Milliarden Menschen unter den 21 sogenannten vernachlässigten Tropenerkrankungen (z.B. Bilharziose, Leishmaniose, Noma, Lepra, Dengue, Buruli-Ulkus, Chagas, Schlafkrankheit) leiden- und oft genug an ihnen sterben?

Seit fast 13 Jahren leite ich nun medmissio. Wöchentlich erreichen mich aus den Ländern des Globalen Südens Hilfsgesuche von (kirchlichen) Krankenhäusern, NGOs, Pfarreien, Ordensgemeinschaften und lokalen Initiativen. Sie bitten mich, sie bei ihren Anstrengungen zu unterstützen, die Gesundheitssituation der Armen zu verbessern. Es ist schön, ihnen bisweilen helfen zu können. Genauso schön ist es, sie beispielsweise im Kongo, in Uganda, Kenia, Indien, Paraguay, Ecuador oder Argentinien zu besuchen, ihren Elan und ihre Leidenschaft für die Armen zu spüren, ihre Hoffnung zu teilen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie in ihren Kämpfen und Sorgen nicht allein sind. Es tut gut, ab und an bei einem Vortrag oder in einem Artikel über ihr und unser Engagement berichten zu können. Ich bin dankbar für die treuen Spenderinnen und Spender, die uns finanziell unterstützen, sowie für unsere Mitarbeitenden, die für ihre Sache bzw. ihre Berufung brennen.

Es ist großartig, dass unser Institut in äußerst schwierigen Zeiten gegründet wurde, und recht betrachtet ist es ein Wunder, dass es medmissio heute immer noch gibt. Denn seit der Pandemie hat das Interesse für und die Bereitschaft zu mehr Solidarität und Gesundheit in der einen Welt dramatisch abgenommen. Das ist jedoch kein Grund zum Resignieren, sondern zum Weitermachen.

Michael Kuhnert