Mitarbeiter der AG "Aids und Internationale Gesundheit" feiern Jubiläum

Mit einer Begegung in der Missionsärztlichen Klinik und einem Wortgottesdienst in der Klinikkapelle haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Miglieder und ehemalige Mitarbeiter der AG "Aids  und internationale Gesundheit" deren 30jähriges Bestehen gefeiert. 1987 hatte das Institut die Arbeitsgruppe zusammen mit dem Hilfswerk Misereor gegründet. um eine Antwort auf die neuen Herausforderungen zu geben. In Würzburg wurde die AG zum Vorreiter bei der Erforschung der Immunschwäche.

Bei der Wortgottesfeier in der Klinikkapelle sagte Klemens Ochel: "Heute bringen wir dankbar das vor Gott, was wir darunter verstanden haben, die Freuden und die Sorgen der Menschen zu erkennen und bei Ihnen zu sein, so wie es das Zweite Vatikanische Konzil von der Kirche fordert". Er zeigte Bilder von der Aids-Pandemie aus den vergangenen 30 Jahren, untermalt von Musik und Gesang der Krankepflegeschülerinnen Caroline Ballweg, Anna-Lena Willfarth und Lena Gans. 

Im Rückblick auf die Anfänge der AG beschreibt der Tropenmediziner Prof. Klaus Fleischer die Atmosphäre Mitte der 1980er Jahre mit Angst, Panik - und dem Gefühl, „dass da etwas auf uns zukommt, das wir in keiner Weise beherrschen können“. Damals beherrschte eine rätselhafte Krankheit namens „Aids“ weltweit die Schlagzeilen. Um den Ernst der Lage zu erfassen, brauchten die Mitarbeiter des Missionsärztlichen Instituts keine Zeitung zu lesen. Es genügte, die Schilderungen von Missionsärzten ernst zu nehmen.

Die berichteten beispielsweise, dass in Tansania in der Region um den Viktoriasee junge Frauen und Männer reihenweise der Immunschwäche zum Opfer fielen. Ein Land nach dem anderen habe über steigende Patientenzahlen geklagt, erinnert sich Fleischer. Um seine Partner in den Ländern des Südens mit dem Problem nicht alleine zu lassen, wurde 1987 

"Trotz Erfolgen weitermachen"

„Was daraus wird, wussten wir damals nicht“, sagt der emeritierte Tropenmediziner, der zu den Gründern der Arbeitsgruppe gehörte. Im Rückblick weiß er, dass eine weltweite Pandemie die Welt in Atem hielt, die auch heute noch nicht besiegt ist. 30 Jahre nach der Gründung der Arbeitsgruppe ist Fleischer überzeugt, „dass wir trotz aller Fortschritte und Erfolge dringend weitermachen müssen“. Denn: „HIV ist nicht vom Tisch“.

Prävention und Aufklärung

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Schwerpunkte im Kampf gegen die Immunschwäche heute andere sind. Als sich das Team aus Sozialwissenschaftlern und Fachärzten mit langjähriger Auslandserfahrung formierte, ging es zunächst um die Entwicklung von sicheren und bezahlbaren Bluttests, die auch unter den Bedingungen der Tropen anwendbar waren. Damit konnte die Infektion beim Patienten überhaupt erst nachgewiesen und etwa Bluttransfusionen sicherer gemacht werden. Die Experten erkannten aber auch, dass es beim bloßen Testen nicht bleiben darf, sondern dass die Patienten vorher und nachher beraten werden müssen. Bald rückte das Thema Prävention bei den kirchlichen Partnern in den Ländern des Südens an erste Stelle. Aufklärungskurse in Krankenhäusern, Schulen und der Öffentlichkeit bei den Partnern von Misereor mit vor Ort entwickelten Beispielen und Materialien trugen dazu bei. 

Unermüdlich war Fleischer unterwegs, um aufzuklären – und traf dabei nicht immer auf Verständnis. Bei einem Treffen mit der Südafrikanischen Bischofskonferenz gaben sich die Bischöfe gelassen. „Die sagten, das Land habe schon so viele Probleme gehabt und man reagiere wie gehabt: mit einer Wagenburg.“, erinnert sich der Arzt. „Das ging schief. Südafrika ist heute auf dem Kontinent eines der Länder mit der höchsten Ansteckungsrate.“

In Deutschland waren andere Probleme zu bewältigen, ärgert sich Fleischer noch heute. Ende der 80er und Anfang 90er Jahre sei die Angst vor Aids regelrecht zum Hype geworden. Vor allem in Bayern habe die Politik sehr unglücklich darauf reagiert. Forderungen nach Zwangstests für bestimmte Personen wurden laut, ebenso Pläne, HIV-positive Menschen in Internierungslager zu stecken. Die Hetze „besonders gegen Schwarze, egal ob Student oder Bischof“, habe die deutsch-afrikanische Zusammenarbeit schwer belastet.

Angst im Umgang mit infizierten Patienten

Wie angstbesetzt Aids damals war, zeigte auch die damals noch weit verbreitete Angst der Krankenschwestern und -pfleger im Umgang mit den ersten Patienten. „Um einem infizierten Patienten etwas zu trinken zu geben, kamen sämtliche Schwestern verhüllt von Kopf bis Fuß mit doppelten Handschuhen ins Zimmer“, so Fleischer. Für den gemeinsamen Lernprozess über tatsächliche Ansteckungsgefahren und -vermeidung sei er dem Klinikpersonal noch heute sehr dankbar.

Zufrieden und erleichtert ist Fleischer auch, dass Patienten in Ländern des Südens größtenteils mit Medikamenten der ersten und zweiten Generation behandelt werden können. Zur Entwicklung bezahlbarer Medikamente habe der Dialog zwischen den Kirchen und der forschenden Pharmaindustrie mit beigetragen. Gleichzeitig sieht er mit Sorge, dass dafür immer weniger Geld zur Verfügung gestellt wird. „Wir können den Bedürftigen nicht genügend Medikamente anbieten und die Länder selber schaffen es auch nicht.“

Finanzierung ist ein Problem

In der Finanzierung sieht auch Dr. Klemens Ochel ein großes Problem. Die Behandlungserfolge seien zu begrüßen, allerdings werde dadurch der Leidensdruck geringer und damit auch der politische Druck. Die internationale finanzielle Unterstützung gehe zurück. Laut UNAIDS sei sie in den vergangenen zwei Jahren um jeweils acht Prozent eingebrochen.

„Wir haben die Werkzeuge, aber wir brauchen Geld“, formuliert der Arzt, der sich im Institut seit 25 Jahren unter anderem mit dem Thema HIV beschäftigt. Wegen der internationalen Finanzkrise und wegen geänderter politischer Prioritäten habe man sich von der eigentlichen Verpflichtungserklärung verabschiedet. Für ihren Plan, Aids bis 2030 zu beenden, wollte die UN 26,2 Milliarden Dollar mobilisieren für Tests und erfolgreiche Behandlung. Getestet sei zwar mehr als die Hälfte aller Menschen mit HIV, aber 45 Prozent wüssten nichts von ihrer Infektion.

Warten oder teure Medikamente bezahlen

Bei der Aidskonferenz in Paris 2017 wurde laut Ochel aber auch von Behandlungsfortschritten berichtet. Es gebe neue verbesserte Arzneikombinationen. Eine Spritze einmal im Monat oder alle drei Monate wäre ein Riesenfortschritt, vor allem für Afrika, ist der Mediziner überzeugt. „Das kostet aber Geld. Die Medikamente haben noch Patentschutz. Man muss entweder warten oder teuer dafür bezahlen.“

Während aus Afrika Erfolge zu vermelden sind - etwa aus Swasiland, wo die Neuinfektionen um 40 Prozent gefallen sind – blickt Ochel besorgt nach Osteuropa. Die Zahlen täuschen auf den ersten Blick: Im südlichen und östlichen Afrika leben rund 19 Millionen Infizierte, in Osteuropa sind es 1,5 Millionen. Doch in Afrika stecken sich weniger Menschen neu an, während es in Osteuropa mehr werden. Das habe damit zu tun, dass der Zugang zu Behandlung und Prävention dort politisch nicht gefördert werde, erklärt Ochel. HIV-Infizierte seien oft Drogennutzer, würden als Kriminelle betrachtet und hätten deshalb keinen Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung. „Eine Gefängnisstrafe ist oft ein Todesurteil wegen des hohen Risikos, sich auch mit Tuberkulose anzustecken.“ Diese Partner brauchten Unterstützung aus dem Westen, da passiere nicht genug.

Wie Klaus Fleischer, so ist auch Ochel der Ansicht, dass Aids 30 Jahre nach Gründung der Arbeitsgruppe noch immer „nicht vom Tisch“ ist. „Wir sind weiter in der Pflicht, Menschen psychosozial zu betreuen, vor allem Kinder und Jugendliche." Die Folgen der Immunschwäche würden das Institut noch über viele Jahre beschäftigen, glaubt der Mediziner. Schließlich gingen dadurch, abgesehen von psychischen Erkrankungen, die meisten produktiven Lebensjahre verloren. 

Elke Blüml

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