Missionsärztliches Institut

Der Internationale Tag der Kinderrechte steht heuer ganz im Zeichen der Pandemie

Würzburg (MI) Wie tiefgreifend die Folgen der Corona-Pandemie letztlich sein werden, kann derzeit noch niemand sagen. Doch schon jetzt zeichnen sich drastisch negative Entwicklungen ab. Die betreffen nicht zuletzt Kinder. Anlässlich des Internationalen Tags der Kinderrechte am 20. November machen Hilfsorganisationen deshalb darauf aufmerksam, dass der Kinderschutz in der aktuellen Krise wichtiger denn je ist.

Hierzulande wird seit geraumer Zeit gefordert, Kinderschutz als Staatsziel in der Verfassung zu verankern. Was zweifellos sinnvoll und wichtig wäre. Mit Blick auf die Länder des Südens gibt es aktuell jedoch weitaus drängendere Handlungsfelder. „Die Restriktionen in vielen Ländern haben den Schutz von Kindern in den vergangenen Monaten deutlich erschwert“, sagt Dieter Overath, Vorstandsvorsitzender des Vereins TransFair. In indischen Textilfabriken zum Beispiel wurden Arbeiterinnen und Arbeiter von heute auf morgen entlassen: „Sie standen vor dem Nichts.“ Was gravierende Folgen für ihre Kinder hatte.

Vor allem Kinder, die aufgrund von Armut unter unmenschlichen Verhältnissen leben müssen, werden um ihre verbrieften Rechte betrogen. Ihre Zahl wird weiter wachsen, befürchtet Overath: „Denn die Pandemie führt zu Rückschritten in der Armutsbekämpfung.“ Der TransFair-Vorstand verweist auf eine Einschätzung der UN, der zufolge im Zuge der Corona-Krise ein historischer Anstieg der weltweiten Armut droht. „Besonders in Westafrika, in Ghana oder Côte d'Ivoire, den wichtigsten Anbauländern für Kakao, verschärft Covid-19 die wirtschaftlichen Probleme vieler Menschen und erhöht damit die Gefahr von Kinderarbeit“, erklärt er.

Überall auf der Welt haben Kinder einen Rechtsanspruch auf menschenwürdige Entwicklungschancen. So ist es in der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 festgeschrieben. Laut dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) haben Kinder weltweit das Recht auf Gleichbehandlung, auf Gesundheit und Bildung, auf Spiel und Freizeit, auf freie Meinungsäußerung und Beteiligung sowie auf gewaltfreie Erziehung. Zu den wichtigsten Kinderrechten zählen zudem das Recht auf Schutz im Krieg, auf Schutz vor wirtschaftlicher und sexueller Ausbeutung sowie auf elterliche Fürsorge.

Millionen ohne Unterricht

Aktuell allerdings hat die Pandemiebekämpfung Vorrang vor dem Schutz der Kinderrechte. Es kam zum Beispiel zu monatelangen Schulschließungen, sagt Overath: „Zeitweise konnten 1,5 Milliarden Kinder weltweit nicht unterrichtet werden.“ Dies verstärkt ungleiche Bildungschancen. Mittlerweile seien zwar viele Schulen wieder geöffnet: „Aber ein weiterer Lockdown, so nötig er zur Eindämmung der Pandemie auch sein mag, könnte die Bemühungen zum Schutz von Kindern um Jahre zurückwerfen.“

Bildung und Qualifizierung gelten als entscheidend im Kampf gegen Armut. Umgekehrt verhindert Armut Bildung. „Kein Elternteil schickt die eigenen Kinder freiwillig zur Arbeit“, betont Overath. Viele sähen hierzu jedoch keine Alternative: „Diese Not wird durch die Corona-Krise noch einmal verschärft.“ Um Verdachtsfällen von Kinderarbeit auch in Zeiten der Pandemie nachgehen zu können, richtete Flocert, die Zertifizierungsgesellschaft von FairTrade, einen Whats-App-Service ein. Overath: „Missstände können damit unkompliziert per Handy gemeldet werden.“

Viele Initiativen setzen sich dafür ein, dass sich die globalen Verhältnisse wandeln. Seit 60 Jahren tut dies auch terre des hommes. Iris Stolz, Pressesprecherin des Kinderhilfswerks, kommt zu ähnlichen Einschätzungen wie Dieter Overath: „Besonders die Kinderrechte auf Bildung und gesunde Ernährung wurden durch die Corona-Krise stark zurückgeworfen.“ Viele Familien seien nun ohne Arbeit und Einkommen: „Sie hungern, da sie nicht auf Gespartes zurückgreifen können, und staatliche Unterstützung ganz fehlt oder nicht ausreicht.“

Reis, Bohnen und Zucker

Der 20. November ist ein guter Anlass, die UN-verbrieften Kinderrechte zu propagieren, findet auch terre des hommes. Aktuell allerdings braucht es vor allem handfeste Unterstützung. terre des hommes-Programme reagieren durch Nahrungsmittelhilfe auf die pandemiebedingten Notlagen. So erhielten zum Beispiel in Simbabwe Hunderte Haushalte Lebensmittelpakete mit Grundnahrungsmitteln wie Maismehl, Reis, Koch-Öl, Bohnen und Zucker. Partnerorganisationen verteilten außerdem überall an den Projektstandorten Hygiene-Päckchen mit Menstruationsbinden, Seife, Waschpulver, Masken sowie Schutzausrüstung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Dürren, Überschwemmungen und der wirtschaftliche Zusammenbruch des Landes während der Ära Mugabe hatten viele Menschen in Simbabwe in den letzten Jahren in Not gestürzt. Familien, die nun auch noch durch die Pandemie ihr Einkommen verloren haben, erhalten durch Programme von terre des hommes Unterstützung beim Aufbau alternativer Einnahmemöglichkeiten. Bei vielen Maßnahmen sind simbabwische Jugendliche intergiert.

Die Corona-Pandemie ist omnipräsent und treibt Organisationen weltweit um. In Simbabwe versucht auch „Scripture Union“, ein Partner von terre des hommes, Kinder in der Krise zu unterstützen. Nach dem ersten strengen Lockdown entdeckten Mitarbeiter von „Scripture Union“ mehr als 30 obdachlose Straßenkinder, die in einem Jugendzentrum untergebracht und versorgt wurden. Ein Teil dieser Teenager erhält inzwischen Kurse zur Vorbereitung auf ein Leben abseits der Straße. Das Kontaktzentrum von „Scripture Union“ ist mittlerweile wieder geöffnet, dreimal in der Woche können sich Straßenkinder dort waschen und ihre Kleidung wechseln.

Kinder handeln auf der Straße

Viele Familien sind aktuell wirtschaftlich von ihren Kindern abhängig, bestätigt terre des hommes. Gerade auch in Simbabwe müssen immer mehr Jungen und Mädchen zum Familieneinkommen beitragen. Viele ziehen als Kleinhändler durch die Straßen. Nicht alle kehren zu ihren Familien zurück: Einige schließen sich anderen Straßenkindern an. Aus diesem Grund wird Straßensozialarbeit derzeit dringend gebraucht.

Die Pandemie bringt vor allem auch Mädchen in eine Notsituation, berichtet Luisa Bona vom Verein „terre des femmes - Menschenrechte für die Frau“. „Schulschließungen führen zu einem Anstieg von Frühverheiratung, Frühschwangerschaften und Beschneidung“, erklärt die Mitarbeiterin der terre des femmes-Pressestelle in Berlin. Weltweit habe geschlechtsspezifische Gewalt zugenommen: „Auch online sind Mädchen im Moment nicht sicher.“ Laut dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) wird Covid-19 bis 2030 voraussichtlich zu 13 Millionen zusätzlichen Kinderheiraten sowie zu zwei Millionen zusätzlichen Fällen von Mädchenbeschneidung führen.

Die Pandemie ist eine Sache, die jeden und jede betrifft, allerdings in völlig unterschiedlichem Ausmaß. Vor allem Kinder in Ländern des Südens leiden laut Unicef stark unter den sozialen, wirtschaftlichen und humanitären Folgen. In vielen Ländern sei die Gesundheitsversorgung von Kindern und ihr Zugang zu Bildung unterbrochen. Wichtige Fortschritte im Kampf gegen Armut, Hunger und Unterentwicklung drohen verloren zu gehen. Von Januar bis August 2020 setzte Unicef 595 Millionen US-Dollar im Kampf gegen Covid-19 ein. Rund die Hälfte davon für Hilfsgüter.

Kein Online-Zugang

Gerade am Beispiel „Bildung“ wird auch für Unicef manifest, wie schwer Kinderrechte in der Pandemie zu schützen sind. Einem aktuellen Papier mit „Kernbotschaften“ des Deutschen Unicef-Komitees zufolge hat ein Drittel aller Schulkinder weltweit keine Möglichkeit, online zu lernen. Insgesamt wird deren Zahl auf 463 Millionen beziffert. Ohnehin benachteiligte Kinder würden durch die Pandemie deshalb noch weiter abgehängt. „Je länger Kinder dem Unterricht fernbleiben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht wieder in die Schule zurückkehren können und arbeiten müssen oder früh verheiratet werden“, heißt es in dem Papier.

„Eine Welt ohne Armut ist möglich“, lautete das Credo vieler Hilfsorganisationen wie Oxfam vor Ausbruch der Pandemie. Diese Überzeugung, die Hoffnung gab und zum Mitmachen motivierte, droht, zu schwinden. „Die Covid-19-Pandemie hat schon jetzt schätzungsweise 150 Millionen Kinder zusätzlich in Armut gestürzt“, sagt Unicef in Deutschland. Seit Ausbruch der Pandemie sei die Zahl der Kinder in extremer Armut in Entwicklungs- und Schwellenländern um 15 Prozent auf 1,2 Milliarden gestiegen. Soziale Sicherungssysteme müssten dringend gestärkt und ausgeweitet werden, um Kinder und ihre Familien zu unterstützen.

Kinderschutz darf gerade in diesen Zeiten kein Lippenbekenntnis sein, appelliert Unicef. Bestehende Maßnahmen müssten vielmehr ausgebaut werden. Auch müssten bei allen Entscheidungen zur Bekämpfung der Pandemie deren Auswirkungen auf Kinder und ihre Rechte stärker beachtet werden. Bereits vor der Krise waren weltweit jedes Jahr eine Milliarde Kinder und Jugendliche zwischen 2 und 17 Jahren von physischer, sexueller oder psychischer Gewalt betroffen: „Das ist jedes zweite Kind“, sagt Unicef. Diese Zahl droht, nun weiter zu steigen

Pat Christ

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