Missionsärztliches Institut

Gemeinsame Erklärung von Bischof Dr. Franz Jung und Professor Dr. August Stich zum 1. Coronajahrestag

Die Coronakrise birgt nach Ansicht des Würzburger Bischofs Franz Jung und des Tropenmediziners Prof. August Stich die Chance, die eigenen Handlungsmuster zu überdenken. "Wir müssen uns im Bewusstsein halten, dass die Pandemie nicht in Deutschland und nicht in Europa zu besiegen ist, sondern nur wenn alle weltweit zusammenstehen und füreinander und miteinander handeln", schreiben Jung und Stich in einem am 27. Januar veröffentlichten «Zwischenruf» zum ersten Jahrestag des Auftauchens des Coronavirus in Deutschland.  

"Vor genau einem Jahr ist das neuartige Corona-Virus erstmals in Deutschland aufgetaucht. Dies ist Anlass innezuhalten, zurück und nach vorne zu blicken. Im Januar 2020 schauten wir noch mit Befremden auf das ferne China. Niemand konnte sich vorstellen, was in den Monaten danach bei uns und letztlich auf der ganzen Welt passieren würde. Wir erlebten eine Pandemie, die unser Leben einschneidend veränderte und noch weitreichende Konsequenzen für uns alle haben wird.

Nach dem anfänglichen Schock trat eine erste Gewöhnung ein, die uns einen Sommer mit Lockerungen und Hoffnungen auf Normalität bescherte. Mit der neuen Welle zum Herbst und Winter und den damit verbundenen starken Restriktionen setzen wir heute umso mehr unsere Hoffnung auf Impfmöglichkeiten, Medikamente und gegenseitige Achtsamkeit. Auch wirtschaftliche Direkthilfen hat es gegeben. Die Unsicherheit bleibt dennoch bestehen.

Gerade in den letzten Monaten ist die Krankheit näher an uns herangerückt. Nicht wenige von uns haben Menschen aus ihrer Familie und dem nahen Umfeld verloren. Wir trauern um sie. Viele wurden krank, manche leiden bis heute an den Folgen der Covid-19-Infektion. Auch für sie beten wir. Mitarbeiter im Gesundheitswesen erlebten Erschöpfung und Überforderung. Wir sehen, wie viele um uns herum an ihre Grenzen kommen, welche Lasten Lockdown, geschlossene Kitas und Schulen, Kurzarbeit oder gar der Verlust von Arbeit und wirtschaftlicher Existenz unseren Mitmenschen aufbürden.

Manche können es leichter ertragen als andere, aber wir alle leiden darunter. Viele Appelle zu Veränderung nach dem ersten Lockdown sind Versprechungen geblieben. Unserem Gesundheitssystem fehlt die nötige Dynamik, um aus der Pandemie zu lernen. Aus Tansania und Brasilien, unseren Partnerdiözesen, erreichen uns Nachrichten, dass dort die Menschen weniger unter dem Virus zu leiden haben als unter den Konsequenzen von Ausgangssperren, staatlicher Gewalt und wirtschaftlichem Niedergang. Für viele Menschen, gerade solche am Rande der Gesellschaft, geht es inzwischen um das nackte Überleben. Wir müssen uns im Bewusstsein halten, dass die Pandemie nicht in Deutschland und nicht in Europa zu besiegen ist, sondern nur, wenn alle weltweit zusammenstehen und füreinander und miteinander handeln.

So stehen wir ein Jahr, nachdem die Medien den ersten Positivnachweis von SARS-CoV-2 in Deutschland gemeldet haben, vor immensen Herausforderungen. Und wir haben erlebt, wie sich unsere Gesellschaft in unversöhnlicher Weise zu spalten droht, wie die Bereitschaft zu Dialog und gegenseitigem Verständnis abnimmt.

Manche Politiker und medizinische Experten sprechen inzwischen von neuer Zuversicht. Die Hoffnungen sind begründet, aber nur, wenn viele positive Entwicklungen zusammenlaufen, und dann auch erst einmal nur für uns in einem hochprivilegierten Land. Wir waren vorher schon die Profiteure der Globalisierung, deren negative Seite uns mit Covid-19 deutlich wurde, und wir werden die Pandemie besser überstehen als die Menschen in den meisten Ländern dieser Welt.

Wir müssen jetzt die Chance ergreifen und Lehren aus der Pandemie ziehen. Corona hat uns, unserem Gesundheitssystem und unserer Gesellschaft in vielfacher Weise einen Spiegel vorgehalten und versetzt uns in die Lage, jetzt Entscheidungen zu treffen, wohin künftige Entwicklungen gehen sollen. Die Krise birgt auch eine Chance, die eigenen Handlungsmuster zu überdenken.

Papst Franziskus mahnt uns immer wieder, dass ein ,Weiter so‘ oder ,Zurück zum Alten‘ nicht der Weg ist, auf den wir Christen uns begeben dürfen. Wir wollen nicht zurück in eine Welt, die ihren Erfolg über immerwährendes Wachstum und Mehrung von materiellem Wohlstand definiert. Denn dieser beruht auf der Ausbeutung der Armen und der Vernichtung der Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen.

Die Pandemie zwingt uns alle zum Handeln, weil sie spürbar ist und unmittelbare Gefahren birgt. Darüber hinaus sind Klimawandel, Verlust der Artenvielfalt und Armutsspirale die direkte Konsequenz dessen, was wir Globalisierung, Weltwirtschaftsordnung und Ressourcennutzung nennen, aber die Folgen werden erst für zukünftige Generationen in aller Dramatik spürbar sein. Unser aktuelles Verhalten gefährdet die Existenz vieler Menschen und Mitlebewesen nicht nur irgendwo auf der Erde, sondern auch direkt bei uns.

"Die schmerzlichen Erfahrungen dieses vergangenen Jahres können uns helfen zu begreifen, dass wir, jede und jeder Einzelne von uns, die Pandemie als Anlass nehmen sollten, Grundlegendes zu überdenken. Wir müssen unser Konsumverhalten dahingehend ändern, dass wir alle als Einzelne und als Gesellschaft nachhaltig wirtschaften und die natürlichen Ressourcen unseres Planeten bewahren, von denen unser Leben abhängt. Wir müssen bei unseren Entscheidungen solidarisch das Wohl aller in den Blick nehmen.

Das bedeutet Einschränkung und gar Verzicht in vielen Dingen, aber es ist der gute und richtige Weg, und ein Handeln in diese Richtung ist geprägt von Optimismus und der Achtung vor der Schöpfung. Mit dem Einsatz für eine gerechte Verteilung der Impfdosen und Medikamente können wir schon heute einen ersten Schritt zu einer solidarischeren Weltgemeinschaft tun.

Wir haben jetzt die Chance, gemeinsam einen neuen Weg nach vorne einzuschlagen, der uns nicht nur helfen wird, diese Pandemie zu überwinden, sondern uns vorbereitet auf eine Welt, in der wir verantwortungsvoll mit den Lebensgrundlagen dieses Planeten und den Rechten aller Menschen umgehen. Nehmen wir also unsere Verantwortung als Christinnen und Christen in dieser Welt wahr, solidarisch füreinander und miteinander da zu sein. Haben wir den Mut zur Veränderung in unserem eigenen Land und weltweit.

Es wird nicht ohne Verzicht gehen, was den Einzelnen betrifft, damit Wohlstand und Gesundheit nicht ein Privileg weniger Menschen, Nationen und Kontinente ist, sondern tatsächlich ein Gut für alle. Um nicht weniger darf es uns gehen.

Mit Blick auf die österliche Bußzeit, die in den kommenden Wochen beginnt, können die Stichworte Innehalten, Nachdenken, Umkehren und Neuanfangen eine besondere Aktualität erhalten. Als Christinnen und Christen glauben wir an ein neues Leben, das uns durch die Auferstehung Jesu an Ostern geschenkt wird. Diese Botschaft gilt allen Menschen.“

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