Missionsärztliches Institut

Warum das Corona-Virus in Peru besonders zuschlägt

Tagelang lang wartete Fabio Gutiérrez, 79 Jahre, in einem Rollstuhl im Innenhof des staatlichen Krankenhauses Arzobispado Loayza auf Aufnahme in die Intensivstation. Vorher hatten ihn bereits zwei weitere Krankenhäuser wegen Überfüllung abgelehnt. Ein privates Krankenhaus verlangte eine Vorauszahlung von rund 10 000 Euro, Geld, das die Familie von Fabio Gutierrez nicht hatte. Der 79-jährige verstarb nach drei Tagen, ohne je die Intensivstation gesehen zu haben.

Geschichten wie diese – erzählt im peruanischen Investigativmagazin „Hildebrandt en sus trece“ – machen in Peru dieser Tage die Runde. Denn das Land zwischen Pazifik, Anden und Amazonas ist von der Coronakrise besonders stark betroffen. 6.498 Menschen sind laut offiziellen Zahlen bis zum 13. Juni 2020 an Covid-19 in Peru verstorben. Das sind 197 Corona-Tote auf 1 Million Einwohner – eine der höchsten Zahlen in Südamerika.

Dass das Coronavirus gerade in Peru so stark zuschlägt, ist tragisch und auf den ersten Blick unerklärlich Denn der peruanische Präsident Martin Vizcarra hat alle Anti-Corona-Maßnahmen wie nach dem Lehrbuch befogt: Anordnung einer allgemeinen Quarantäne am 15. März, Schließung der Grenzen und der Flughäfen, Schulen, Universitäten. Auflegen eines großen wirtschaftlichen Hilfspaketes für die Bevölkerung, die nun ohne Einnahmen bleibt. Zu keinem Moment wurde das Virus verharmlost, wie es etwa der benachbarte brasiliansiche Präsident Bolsonaro tat. Was also lief schief in Peru ?

Keine Medikamente und Diagnoseapparate

Tatsächlich geriet das Gesundheitssystem sehr rasch an seine Grenzen. Die Coronakrise hat gezeigt, wie schwach ausgestattet und verwaltet, wie stark fragmentiert Gesundheit in Peru ist. Und dass es vom Geldbeutel abhängt, ob man eine gute Behandlung erhält oder nicht. Rund 60-70% der Peruaner arbeiten als Solo-Selbständige oder im informellen Arbeitsmarkt und zahlen in keine Krankenversicherung ein. Sie werden in vom Gesundheitsministerium finanzierten Krankenhäusern behandelt. In Theorie kostenlos – in der Praxis fehlen oft Medikamente oder Diagnostikapparate sind nicht ausreichend oder kaputt. Es kann auch vorkommen, dass ein Arzt im staatlichen Spital die Patienten zum Beispiel zu einer Röntgenaufnahme in die benachbarte Privatklinik schickt. Dort muss der Patient bezahlen. Der Clou: Die Klinik gehört demselben Arzt, der die Patienten schickt. Durch Korruption blutet ein prekäres staatliches System noch mehr aus.

Unterfinanziertes Gesundheitssystem

Rund 20% stehen in einem festen Anstellungsverhältnis und zahlen in die Krankenversicherung der Angestellten ein, die wiederum eigene Krankenhäuser betreibt. Polizisten und Soldaten und ihre Familienangehörigen haben ebenfalls ein spezielles Krankenhaus. Und weniger als 10% bezahlen eine private Krankenversicherung, die ihnen eine Behandlung in einer der vielen Privatkliniken erlaubt. Das staatliche System ist mit 210 US-Dollar Gesundheitsausgaben pro Kopf und Jahr (Zahl von 2017) total unterfinanziert.

Das zeigte sich auch, als bei Beginn der Coronakrise ganz Peru  für seine 32 Millionen Einwohner nur etwas über 500 Intensivbetten zur Verfügung hatte. Nach fast drei Monaten Quarantäne ist es etwas mehr als die doppelte Zahl.

Entwicklung wurde dem freien Markt hinterlassen

Dabei hätte Peru das Geld gehabt, um ein effizientes universales Gesundheitssystem aufzubauen. Peru galt in den letzten 20 Jahren als lateinamerikanisches Wirtschaftswunderland. Der Rohstoffboom hat die Staatskassen gefüllt und den Konsum angeheizt. Es rächt sich nun, dass viel zu wenig in die Stärkung staatlicher Institutionen investiert wurde, ja, dass das Wort „Subvention“ regelmässig verteufelt wurde ,und stattdessen die Entwicklung dem freien Markt überlassen wurde.

Peruaner konnten und können inzwischen in Einkaufszentren an Sortimenten auswählen, die keinem europäischen Land nachstehen. Die Anzahl von neuen Shopping-Malls wurde mit einem Anstieg an Entwicklung verwechselt. Ein todbringendes Missverständnis: Menschen sterben heute vor den Krankenhäusern, weil nicht einmal genügend Sauerstoffflaschen vorhanden sind.

Fehler der Regierung trotz schnellem Lockdown

Obwohl die Regierung mit dem schnellen Lockdown vieles richtig gemacht hat, hat sie doch vieles übersehen, was letztlich zu einem Anstieg der Ansteckungen führte. Gleich zu Beginn der Quarantäne wurde sie überracht von einem Exodus Zehntausender von Peruanern, die sich in der Hauptstadt Lima aufhielten und sich nun zu Fuß in ihre Heimatdörfer in den Anden oder im Regenwald machten. 

Die in Peru so beliebten Märkte wurden zu einem weiteren Ansteckungsherd. Mehr als die Hälfte der Peruaner hat keinen Kühlschrank zu Hause und kauft täglich auf dem Markt ein. Erst nach vielen Wochen haben die Stadtverwaltungen Corona-Regelungen für die Märkte erlassen.

Willkürliche Auszahlungen an die Bevlkerung

Und die Ausgabe von Hilfszahlungen an die arme Bevölkerung stieß in der Praxis auf viele bürokratische Hindernisse. Es gibt verschiedene und nicht aktualiserte Verzeichnisse von Hilfsbedürftigen, so dass die Auszahlung recht willkürlich schien. Bis heute kann niemand sagen, warum jemand die rund 200 Dollar vom Staat bekommen hat und der Nachbar nicht.

Ansteckungen beim Schlangestehen

Da außerdem die Mehrheit der Peruaner kein Bankkonto besitzt und die Banken gerade in den bevölkerungsreichen Aussenbezirken sehr wenige Filialen betreiben, gerieten die langen Menschenschlangen vor den Banken zu einem weiteren Infektionsherd.

Besonders stark betroffen vom Stillstand des Landes sind die fast 1 Million venezolanischer Flüchtlinge, die in Peru leben. Nicht nur, dass sie keinerlei staatliche Hilfen erhalten; sie haben auch weniger Ersparnisse und Netzwerke in Peru und wohnen in gemieteten Zimmern und Wohnungen, die sie nun nicht mehr bezahlen können.

Diese soziale Gemengelage führt dazu, dass heute – Mitte Juni - die Quarantäne nur noch halbwegs eingehalten wird, obwohl die Zahlen der Infizierten noch ansteigen. Sehr viele Peruaner können es sich einfach nicht mehr leisten, ohne Verdienst zu Hause zu bleiben.

Gefährliche Lockerungen

In einem Stufenplan lockert Peru inzwischen auch offiziell den Lockdown, nach und nach soll bis Ende September das Wirtschaftsleben wieder zu 100% in Gang kommen. Dies mag aus ökonomischer und sozialer Sicht angebracht sein. Epidemiologen jedoch befürchten, dass sich dadurch noch mehr Personen anstecken werden.

Hildegard Willer

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