Gesundheit in armen Ländern braucht mehr Unterstützung

 

Würzburg (MI) Am 11. Februar feiert die katholische Kirche den Welttag der Kranken. Der Gedenktag wurde 1993 von Papst Johannes Paul II. initiiert. Das Missionsärztliche Institut engagiert sich seit fast 100 Jahren für die medizinische Versorgung von Menschen im globalen Süden. Geschäftsführer Michael Kuhnert äußert sich im Interview zu Herausforderungen und Perspektiven.

Herr Kuhnert, was bedeutet der Welttag der Kranken für das Missionsärztliche Institut?

Bei uns stehen ja das ganze Jahr über kranke Menschen im Mittelpunkt, für die Gesundheit ein schwer erreichbares Gut ist. Wir sind überzeugt, dass Gesundheit ein Menschenrecht ist. Deshalb dürfen wir uns nicht daran gewöhnen, dass es noch immer viele Menschen gibt, denen dieses Recht vorenthalten wird. Trotzdem hat für uns dieser besondere Tag eine Bedeutung. Schließlich sind wir die deutschlandweit einzige katholische Fachstelle für internationale Gesundheit. Und wenn man bedenkt, dass die katholische Kirche bei der medizinischen Versorgung von Menschen in Entwicklungsländern an vorderster Front steht, gilt dem Welttag der Kranken unser besonderes Augenmerk.

Wie unterscheiden sich die Folgen der Pandemie für den globalen Süden von denen für Deutschland bzw. Europa?

In Ländern des Südens trifft das Virus auf fragile öffentliche Gesundheitssysteme, die schon unter „normalen“ Umständen die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung nicht gewährleisten können. Viele Menschen sterben an Krankheiten, die hierzulande heilbar sind. In Afrika, Asien und Lateinamerika wird zum Beispiel eine Risikoschwangerschaft ganz schnell lebensbedrohlich. Es gibt zu wenige Krankenhäuser, Diagnosemöglichkeiten Gesundheitspersonal und Medikamente. Und jetzt kommt noch Corona dazu. In vielen Ländern sind die Gesundheitssysteme am Rande eines Kollapses oder schon zusammengebrochen.

Wer meint, die Menschen würden nur an Corona sterben, täuscht sich. Es gibt ja leider noch viele andere Krankheiten, die aktuell nicht behandelt werden können. Da werden zunächst nicht lebensbedrohliche Krankheiten wie Durchfall oder Atemwegserkrankungen schnell zur Bedrohung, wenn Gesundheitssysteme schwach sind.

Welche Rolle spielen tropische Armutserkrankungen?

Derzeit sind 1,9 Milliarden Menschen von vernachlässigten Tropenkrankheiten bedroht – von Erblindung, Behinderung oder gar Tod. Viele dieser Armutserkrankungen können bereits behandelt werden. Aber sie werden oft nicht diagnostiziert und die Therapie kommt oft bei den Patienten nicht an. Bei Vorbeugung, Bekämpfung und Behandlung gibt es einen großen Nachholbedarf. Das Institut ist Mitglied im Deutschen Netzwerk für vernachlässigte Tropenkrankheiten. Auch wir engagieren uns in ihrer Bekämpfung. Beispiele sind Schistosomiasis in Tansania und Chagas in Kolumbien.

Wo liegt es in Sachen Gesundheit noch im Argen?

Wegen Corona vernachlässigen viele Länder zwangsläufig ihre Vorsorgeprogramme. Impfprogramme werden ausgesetzt. Das führt über kurz oder lang dazu, dass es mehr Fälle von Masern, Diphterie und Polio geben wird und HIV-Patienten nicht die nötigen Medikamente bekommen. Ganz zu schweigen von nicht übertragbaren Krankheiten wie Bluthochdruck oder Diabetes. Die sind in Ländern mit begrenzten Ressourcen sowieso „Stiefkinder“ der Medizin. Auch die Bekämpfung von Malaria, Aids und Tuberkulose erlebt derzeit durch Corona einen schweren Rückschlag.

Was können die reichen Länder tun?

Die Armen brauchen unsere bedingungslose Solidarität. Ich halte es für einen Skandal, dass Menschen an Krankheiten sterben, nur weil sie arm sind. Was die Freigiebigkeit der reichen Länder angeht, ist noch viel Luft nach oben. Das gilt auch für Deutschland. Das Missionsärztliche Institut fordert deshalb seit Jahren von Staat und Kirche, mehr Geld bereitzustellen für die Gesundheitsversorgung armer Länder.

Corona bedroht in Entwicklungsländer nicht nur die Gesundheit.

Ja, die Folgen sind viel dramatischer und treffen nicht nur Infizierte. In Indien etwa haben Millionen Menschen von heute auf morgen ihre Arbeit in den Großstädten verloren und mussten zurück in ihre Heimatdörfer. Sie haben kein Einkommen mehr, ihre Familien leiden Hunger. Indigene in Kolumbien ziehen sich aus Angst vor Ansteckung in den Urwald zurück und sorgen sich um die Versorgung mit Lebensmitteln. In Südafrika bedeutet ein Lockdown, dass Menschen ohne Auto – das sind die meisten – nicht einkaufen gehen können.

Von Solidarität ist zurzeit ständig die Rede im Zusammenhang mit dem weltweiten Zugang zu einer Impfung gegen Covid-19.

Auch hier zeigt sich wieder, ob Eigennutz oder die Bereitschaft zum Teilen siegt. Arme Länder werden es aus eigener Kraft nicht schaffen, ihre Bevölkerung impfen zu lassen. Die Impfinitiative Covax will helfen, dass diese Länder nicht ganz leer ausgehen. Leider ist sie unterfinanziert. USA und Russland beteiligen sich bisher noch gar nicht. Solidarität ist übrigens in diesem Zusammenhang nicht nur eine moralische Frage, sondern eine ganz praktische. Denn wir werden das Virus nur weltweit bekämpfen oder gar nicht.

Was wünschen Sie sich für die Zeit nach der Corona-Pandemie?

Mehr Solidarität, Respekt und Achtsamkeit. Wir im Missionsärztlichen Institut betonen seit vielen Jahren den Stellenwert von Gesundheit für Entwicklung. Das Thema holt uns regelmäßig ein. Vor sechs Jahren fing Ebola an, die westafrikanischen Länder in Atem zu halten. Für uns war das nicht zum ersten Mal Anlass, vor den Folgen schwacher Gesundheitssysteme zu warnen. Allerdings war Ebola weit weg. Mit Corona ist das anders. Es betrifft auch uns. Und wenn die Experten nicht irren, wird Covid-19 nicht das einzige bedrohliche Virus bleiben.

Wir alle, und vor allem wir Christen, müssen uns für das Recht auf Gesundheit zuständig fühlen. Der Heilungsauftrag Jesu ergeht nicht nur an medizinisches Personal oder Gesundheitsbehörden. Jeder von uns kann etwas zur Stärkung der Gesundheitssysteme in Ländern des globalen Südens beitragen.

Das Gespräch führte Elke Blüml

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