Missionsärztliches Institut

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Experte fordert: Risikogruppen weltweit vorrangig gegen Covid-19 impfen 

Würzburg (MI) Von einem „globalen öffentlichen Gut“ spricht UN-Generalsekretär Guterres. Impfstoffe gegen Covid-19 müssten für alle Menschen zugänglich und bezahlbar sein, lautet sein Appell. Weil die Produktion längst nicht für alle reicht, ist der Wettlauf um die weltweite Verteilung in vollem Gang. Die reichen Länder liegen im Wettbewerb vorne. Dass ärmere Länder das Nachsehen haben werden und noch lange unter den folgenschweren Auswirkungen der Pandemie zu leiden haben, fürchtet das Missionsärztliche Institut.

Referent Tilman Rüppel warnt vor einem „Impfnationalismus“, der nur die Pandemie im eigenen Land im Blick hat und deren globale Tragweite verkennt. Es gehe jetzt darum, das Virus in allen Ländern dieser Erde so schnell wie möglich unter Kontrolle zu bringen, sagt der Advocacy-Experte. Gelinge das nur in einzelnen Regionen, habe das Coronavirus Zeit, zu mutieren, also, sich genetisch zu verändern und sich damit noch schwerer bekämpfen zu lassen. „Solidarität mit schwächeren Staaten wird am Ende wiederum uns zugutekommen und ist deshalb auch eine Frage der Vernunft. Es ist nichts gewonnen, wenn wir als Gesellschaft zwar durch eine Impfung geschützt werden, diese jedoch ihre Wirksamkeit verliert, weil das Virus in einem anderen Land mutiert und von dort wieder zu uns getragen wird“, erklärt Rüppel.

Vorrangig zum Zug kommen sollten nach Ansicht des Politikwissenschaftlers zunächst weltweit alle, die mit Risikogruppen zu tun haben: Klinikpersonal, Mitarbeiter von Alten- und Pflegeheimen, dann aufgrund von Alter und Vorerkrankungen besonders gefährdete Personen. Das müsse im internationalen Kontext passieren, betont er. „Ich als 30jähriger gesunder Mensch bin erst impfberechtigt, wenn die 86jährige Inderin immunisiert worden ist“, formuliert er seine Botschaft.

Reiche Staaten haben sich große Mengen des Vakzins gesichter

Dass das in der Realität tatsächlich so gehandhabt wird, ist eher unwahrscheinlich. So warnt die WHO, dass ärmere Länder leer ausgehen werden. Nach deren Angaben wurden bisher 7,3 Milliarden Impfdosen verkauft, davon rund drei Milliarden an finanzstärkere Länder. Deshalb befürchtet die Organisation Oxfam, dass den meisten ärmeren Ländern nicht einmal genug Impfstoffdosen für 10 Prozent der Bevölkerung zur Verfügung stehen, während sich reiche Staaten so viele Vorbestellungen gesichert haben, dass sie ihre Bevölkerung fast dreimal impfen könnten.

Die WHO hat im Frühjahr als eine von vier Säulen der Covid-Bekämpfung die Initiative COVAX gestartet, um weltweit eine gerechte Verteilung der Impfstoffe sicherzustellen. Mehr als 180 Staaten haben sich angeschlossen, darunter Deutschland. Der Plan sieht unter anderem vor, dass alle Länder der Welt möglichst schnell bis zu 20 Prozent ihrer Bevölkerung impfen können, damit die Risikogruppen weltweit vor einer Infektion geschützt sind. Laut Rüppel kämpft die erfolgreiche Umsetzung von COVAX aber mit zwei wesentlichen Problemen. Einerseits wurden viele Impfstoffdosen bereits reichen Ländern mittels Verträgen mit Pharmafirmen zugesichert und können somit nicht mehr durch COVAX genutzt werden. „Andererseits ist COVAX stark unterfinanziert, obwohl diese Initiative ein essenzielles Instrument für die Welt darstellt, um die Pandemie zu überwinden.“

Afrika: Aus eigener Kraft keine Chance auf Impfstoffe

Der Arzt Dr. Alphons Matovu aus Uganda, mit dem das Institut seit vielen Jahren zusammenarbeitet, setzt große Hoffnungen auf COVAX. Aus eigener Kraft hätten Uganda und der Rest Afrikas keine Chance auf einen Impfstoff. Die Folge seien angesichts fehlender Klinikbetten und Intensivstationen noch mehr Infektionen und Tote. „Der sicherste Schutz gegen Covid ist die Impfung. Aber gegen die Konkurrenz der reichen Länder können wir uns nicht durchsetzen“, so der Arzt.

In Peru befürchten viele, dass nur diejenigen geimpft werden, die am meisten dafür bezahlen können. Die Regierung sei zwar mit vielen Impfstoffanbietern im Gespräch und hoffe, 2021 mit dem Impfen beginnen zu können, aber diese Hoffnung sei eher vage, so Berichte von Institutspartnern in dem südamerikanischen Land.

Vorübergehend auf Patente verzichten

Tilman Rüppel sieht eine Lösung gegen den Impfstoffmangel darin, dass die Pharmafirmen, die einen Impfstoff entwickelt haben, vorübergehend auf ihre Patente verzichten. So hätten auch andere Unternehmen weltweit die Möglichkeit, das Vakzin herzustellen. Voraussetzung wäre freilich, dass sie technisch dazu imstande sind. „Das Wichtigste nach der Entwicklung der Impfstoffe ist, dass so viele Dosen wie möglich produziert werden, damit mehr verteilt und verabreicht werden kann. Hierfür müssen alle dafür in Frage kommenden Produktionskapazitäten auf der Welt ausgeschöpft werden, was allerdings nur gelingen kann, wenn die betreffenden Firmen die zugrundeliegenden Technologien anwenden dürfen und ihre technischen Kapazitäten ausgebaut werden.“

Globale Forschung beschleunigen

Deshalb sei eine Aussetzung von Patentrechten auf medizinische Technologien, die für den Kampf gegen COVID-19 gebraucht werden, für die Dauer der Pandemie so wichtig. Das forderten mittlerweile auch immer öfter Impfstoffhersteller, erläutert Rüppel. So appellierten die Chefs des Tübinger Biotech-Unternehmens Curevac in einem Zeitungsinterview für eine Aussetzung der Patente auf ihren Impfstoff, um die globale Forschung zu beschleunigen. Rüppel: „Auch angesichts der Tatsache, dass bereits sehr viele öffentliche Gelder an Pharmafirmen für die Covid-19 Impfstoffentwicklung flossen, liegt es jetzt an der Politik, die erforderlichen Rahmenbedingungen zu setzen, um die Pharmaunternehmen dabei zu unterstützen, ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden.“

Elke Blüml (MI)

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